Pfingstheesch

Der Ritzerauer Pfingstheesch seit 1724

Die Tradition des Pfingstheesch  in den lübschen Dörfern reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Im Laufe der Jahrhunderte gab es unterschiedliche Namen von Pfingsthees über Pfingstheisch zum Pfingstheesch. Auch ob es die oder der Heesch heißt und woher der Name stammt ist nicht sicher.

Bereits 1725 hatten sich die Herren der Kämmerei gegen die Umtriebe beim Pfingstheesch der Jugend ausgesprochen.

Als kurz vor 1740 in Schretstaken einer beim Pfingstheesch das Leben eingebüßt hatte, erfolgte am 9. April 1740 das Verbot seitens des Senates. Es wurden Geld- oder gar Gefängnisstrafen angedroht, wenn jemand sich unterstehen sollte, einen Pfingstheesch  zu organisieren. Die Holzvögte sollten ein wachsames Auge darauf haben.

Um 1900 lebte aber der Pfingstheesch trotz aller Verbote immer noch.

Der Pfingstheesch bis in die 30er Jahre

Das schönste Fest des Jahres? Nein, das ist nicht Weihnachten! Jedenfalls hatten bis weit in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein die Menschen in Nusse, Ritzerau, Poggensee, Mannhagen, Hammer, Panten, Walksfelde, Kühsen, Bergrade, Duvensee, Sirksfelde und Koberg sehr eigene Vorstellungen in dieser Sache. In diesen Orten galt keineswegs Weihnachten als das begehrenswerteste Fest im Jahresreigen. Der Pfingstheesch überstrahlte alles. Während des Pfingstheesch herrscht eine Stimmung im Dorf, die nur, wenn überhaupt, mit dem rheinischen Karnevalsfieber vergleichbar wäre.

Adolf Siemers bezeugt dies in einem ausführlichen Bericht, der am 4. Juni 1932 in Nummer 97 der 1924 gegründeten Heimatblätter erschienen ist und sagte es auf seine Weise:

„Wir, die wir von Jugend auf dieses für uns schönstes Fest des Jahres kennen, können uns gar nicht vorstellen, wie man anderswo überhaupt ohne Heesch Pfingsten feiern kann. Immer wieder kann man hier in den lübschen Dörfern zu Pfingsten die Beobachtung machen, dass Menschen, die hier ihre Jugend verlebten und Jahre oder Jahrzehnte in der Fremde waren, zu Pfingsten wieder einkehren in ihr Heimatdorf, nur, um noch einen Pfingstheesch mitzuerleben. Gesellen, die es einmal mitmachten und nun in Hamburg oder sonst wo wohnen, zu Pfingsten kommen sie wieder! Selbst nur der Geruch von welkem Birkenlaub lässt die Erinnerung an den Pfingstheesch immer wieder aufkeimen. Und in der Tat, ich wüsste kein schöneres Fest, das so wie dieses aus dem Heimatboden gewachsen ist, und möchte alle die bedauern, die es nicht kennen.“

Vierzehn Tage vor dem heiligen Pfingstfest wurde der Pfingstheesch angemacht, wie man das nannte. Die jungen Burschen in den altlübschen Dörfern wählten zwei Bauernvögte aus ihren Reihen. Ihren Befehlen hatte sich jeder Festteilnehmer zu fügen. Jeder unverheiratete junge Mann aus dem Dorf war an der Vogtwahl  wie überhaupt am Heesch aktiv beteiligt.

Am Abend des Himmelfahrtstages wurde nach überkommenem Brauch „das Laub bestellt“. Sämtliche „Pfingstknechte“ aus Nusse, Ritzerau und Poggensee zogen unter Führung ihrer Vögte zum lübschen Forsthaus in Ritzerau. Dort orderten sie das Fällen der Bäume für die Pfingsthütte. Mit der Republik Lübeck war seit alters her ein Vertrag ausgehandelt worden, der die Staatsdiener verpflichtete, das nötige Holz und Grün für die Hütten zu liefern.

Am Sonnabend vor Pfingsten war bereits frühmorgens jung und alt auf den Beinen, um ja nicht den feierlichen Auszug der Pfingstknechte zu versäumen. Zwei Großbauern stellten je ein Gespann zu vier Pferden für das Buchenholz, zwei Halbhufner je einen Wagen mit zwei Pferden für Tannengrün und Birken.Mit Gesang und Peitschenknall zog die Mannschaft durch Ritzerau in den Teil des nahen Forstes, der zum Einschlag freigegeben worden war. „Hochbeladen, mit frischem Waldesgrün, in langer Reihe hintereinander fahrend“, kehrten die Wagen mittags zurück. Alle Mädchen und Jungen aus der Gemeinde begleiteten den Zug.

Auf dem Dorfplatz wurde der Pfingsthüttenbau vorbereitet, während der mit Birken beladene Wagen durchs ganze Dorf fuhr und für jedes Haus einen Maibaum ablieferte, der sofort am Eingang aufgestellt wurde.

Nach der Mittagspause wurden alle Kleinknechte zur Hilfe herangezogen. Löcher mussten gegraben werden, um dicke Buchenstämme fest einrammen zu können. Ein paar Latten wurden dazwischen mit Nägeln angebracht, um die Standfestigkeit zu erhöhen. Schließlich wurde die Pfingsthütte mit grünen Zweigen durchflochten. Zwei oder drei Türen ermöglichten den Zugang.

Über dem Teil, wo Musik und Ausschank ihren Platz erhalten sollten, wurde schließlich ein Dach aus Zweigen hergerichtet – zum Schutz gegen Sonnenstrahlen!

Ein gewisses unentbehrliches Örtchen wurde ganz in der Nähe aufgestellt und hinter Laub versteckt.

Die Dorfjugend erhielt nach der Fertigstellung der Anlagen Rundstücke und Heringe. Diese Fische galten als Delikatessen. Jungen, die beim Hüttenbau mitgeholfen hatten, erhielten als Auszeichnung bei der Zuteilung ihre Heringe komplett mit Kopf und Schwanz. Selbstverständlich kreiste des Öfteren eine Flasche unter den am Heesch Beteiligten.

Die Hütte musste fertig sein, ehe abends die Betglocke läutete.

Am Pfingstsonntag wurde die Schänke bestückt. Wagen, die zum Gottesdienst in die Kirche fuhren, wurden angehalten. Jeder Insasse musste sich mit einem Glas Bier den Durchlass „erkaufen“. Dabei erheischten sie sich auch hier und da einen kleinen Obolus zur Finanzierung des Bieres der Pfingstheesch. Möglicherweise auch daher der Name Heesch (Heisch).

Am ersten Pfingsttag durfte nicht getanzt werden.Du sollst den Feiertag heiligen: Gottes Gebot wurde noch befolgt.

Am Montag versammelte sich am frühen Nachmittag die Dorfjugend in der Gastwirtschaft, die den Heesch „hielt“, das heißt belieferte. Von dort marschierten sie unter Vorantritt einer schmissigen Musikkapelle blumengeschmückt durch den Ort zur Pfingsthütte. Wenn das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machte, begann alsbald fröhliches Tanzen und Feiern – die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen.

In einer Ecke der Hütte ist bisweilen zu nächtlicher Stunde auch ein Feuer entzündet worden, damit die Alten sich daran wärmen und so besser mithalten konnten.

Verdarb Regen die Festlichkeit, so war es übel für die Pfingstknechte. Sie mussten nämlich alle Kosten für die Vorbereitung und Durchführung auf sich nehmen, erhielten dafür allerdings auch den Gewinn vom Ausschank und die Eintrittserlöse der Tanzveranstaltung.

Am Dienstag nach Pfingsten, wenn in den umliegenden lauenburgischen Dörfern wieder voll gearbeitet wurde, ging es in den lübschen Dörfern erst richtig los mit der Pfingstheesch. Und zwar von ein Uhr mittags an. Den Nachmittag, den Abend und noch einmal die Nacht hindurch zog sich das Fest hin.

 

Pfingstheesch in der von den Pfingstknechten aus Laubwerk gebauten Hütte

Pfingstheesch in der von den Pfingstknechten aus Laubwerk gebauten Hütte

Am Mittwoch in der Frühe wurde einst die Hütte versteigert. Und danach erst einmal tüchtig ausgeschlafen. Nachmittags wurde von den Akteuren das übrig gebliebene Bier ausgetrunken. Der Erlös, die sogenannte Dividende, gelangte untereinander zur Verteilung. Erst am Donnerstag nach Pfingsten begann die gewohnte Alltagsarbeit wieder.

Pfingstheesch in Nusse / Ritzerau bis 1970

In Nusse begann der (oder die) Pfingstheesch schon 6 Wochen vorher, dann trafen sich die Pfingstknechte und es wurden 2 Buvas gewählt. (Buva  = wahrscheinlich die Abkürzung aus dem plattdeutschen Wort für Bauernvogt?) Diese waren für das Fest, das 3 Tage lang gefeiert wurde, verantwortlich. Am Himmelfahrtstag wurde dann die Theke meistbietend versteigert und wer sie dann ersteigert hatte, durfte die 2 Tage offiziell das Geschäft führen. Der Pfingstheesch begann am Sonnabend. Dann wurde das Maigrün aus dem Wald geholt. Die Pfingsthütte wurde aufgebaut, wo ein Kindertanz stattfand. Das restliche Grün wurde im Dorf verteilt und jeder Hausbesitzer schmückte sein Heim damit.

Am 1. Pfingsttag war Pause und es ging nach Ritzerau zum Tanzen. Auch dort war eine Pfingsthütte errichtet worden. In Ritzerau begann das Fest bereits am Nachmittag vor/im Saal der Gaststätte Scheel. In Nusse ging es erst am 2. und 3. Pfingsttag los. Die Heesch wurde am Nachmittag mit einem Festumzug eröffnet und es waren alle dabei, ob jung ob alt.

Am 2. Pfingsttag wurde die Nacht durchgefeiert, morgens um 6 Uhr ging es dann wieder mit Musik durchs Dorf und es wurden Eier, Speck und Brot eingesammelt. Aber vorher wurde sich einer ausgeguckt, der zu tief ins Glas geschaut hatte. Dieser wurde dann mit Schuhcreme an Gesicht und Händen schwarz angemalt. Das war dann der schwarze Mann. Er wurde dann in einer Schiebkarre mit im morgendlichen Umzug durchs Dorf bewegt, was dann eine richtige Gaudi war. Manch ein schwarzer Mann wurde dann auch von seinen erbosten Verwandten eingesammelt und abtransportiert. Andere schwarze Männer trauten sich so auch nicht nach Hause. Dann wurde eine Wanne in der Hütte aufgestellt und er wieder „weiß“ geschrubbt. Mangels Beteiligung ist diese Tradition 1974 jedoch eingegangen.

Der Ritzerauer Pfingstheesch ab 1977

Am 1. Juli 1976 hatten sich 24 Ritzerauer zusammengesetzt und die Traditionsgemeinschaft der Pfingstknechte zu Ritzerau neu gegründet und somit den alten Brauch bis heute wieder aufleben lassen. Auch hier gibt es zwei Buvas die verantwortlich für die Organisation und Leitung des Pfingstheesches sind. Jedes Jahr wird ein neuer Buva gewählt, so dass es einen 1. und 2. Buva gibt. Der 1. Buva führt den 2. Buva in die Geschäfte ein, so dass dieser die Tradition im darauffolgenden Jahr erneut an den nächsten Buva weitergeben kann.

Meistens schon ab Dienstag, wird gemeinsam ein Zelt errichtet und teilweise nebenbei schon tüchtig begossen. Der Tresen wurde früher an den Zeltwirt abgegeben. Heute wird der Tresen aus Kostengründen durch die Pfingstknechte selber geführt. Am Freitagnachmittag geht es dann mit Trecker und Wagen in den Wald zum „Grün“ holen, welches dann laut verkündend an jedem Haus im Dorf verteilt und von den Haubesitzern am Eingang mit einem Eimer Wasser aufgestellt wird.

Dafür gibt es dann auch einen Obolus an die Pfingstknechte der auch meistens vor Ort sofort vernichtet wird. Manch ein Hausbesitzer überreicht wohl weislich diesen Obolus auch in fester (essbarer) Form, welches sich dann auch positiv auf das Durchhaltevermögen der Pfingstknechte an diesem Abend auswirkt.

Ein weiterer Wagen bringt zwei große Birken zum Pastor nach Nusse mit denen dann auch die Nusser Kirche zu Pfingsten geschmückt wird. Mit dem verbleibenden Grün wird zuletzt noch das Zelt geschmückt. Am Nachmittag des Pfingstsonnabends finden dann heute die Kinderfestspiele, organisiert von den Kinderfestfrauen, statt. Und abends wird dann zur „Oldiemusik“ tüchtig getanzt und gefeiert.

Der Pfingstsonntag beginnt gegen ein Uhr nachmittags. Dort trifft man sich am Zelt. Mit der Nusse/Ritzerauer-Feuerwehrkapelle voran, gefolgt von den „Königskindern“, den Kinderfestfrauen, den Pfingstknechten und den Dorfbewohnern geht dann ein geschmückter und musikalischer Festumzug durchs gesamte Dorf. Im Festzelt wieder angekommen findet dann das Kinderfest mit Kinderdisco für jung und alt bei leckerem Kaffee, Kuchen, Eis usw. statt.

Krönender Abschluss dieses Nachmittags ist dann die Eröffnung der Tombola.

Am Abend wird dann zu aktueller „Discomusik“ wieder tüchtig getanzt und in dieser Nacht durchgefeiert.

Morgens um 6 Uhr geht es dann erneut mit Musik durchs Dorf zum „Eier schnorren“ und es werden Eier, Speck, Brot usw. eingesammelt.

Das mit dem „schwarzen Mann„ hatte man in der Anfangszeit auch noch durchgeführt, später aber aufgrund des Ärgers mit den „Frunslüüd“ der Betroffenen sein lassen. Das erbeutete Gut wird dann anschließend in der großen Pfanne vor dem Zelt zubereitet und von den Beteiligten gemeinsam verspeist.

Danach kehrte dann um die Mittagszeit erst einmal Ruhe im Dorf ein.

Bis 2005 wurde am Pfingstmontag erneut abends mit Musik weiter getanzt und gefeiert. Wegen mangelnder Beteiligung und auch aus wirtschaftlichen Gründen findet dieser Abend aber heute nicht mehr statt. Stattdessen treffen sich die Pfingstknechte am späten Nachmittag zum Aufräumen und anschließendem Grillen mit ihren Familien vor dem Festzelt. Am Dienstag wird das Zelt dann abgebaut und das normale Leben findet wieder Einzug im Dorf.

Am 25. Oktober 2013 wurde in Ritzerau der Verein „Pfingstknechte Ritzerau“ gegründet.

Ab 2014 wird der Pfingstheesch über die Gemeinde Ritzerau als Kulturveranstaltung initiiert und an die Pfingstknechte beauftragt.

Pfingstknechte Ritzerau (2014)